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Teilchen unbeschleunigt

— 27-04-2008 —

Ein Deck sollte wie ein guter Film sein. Man braucht den ein oder anderen Hauptdarsteller, eine Menge cooler Action, dabei nicht zu wenig Sex und letztlich einen brauchbaren Plan. Natürlich kann man es auch mit einer Reihe an unzusammenhängenden Versatzstücken ausprobieren, hier und da eine Phrase aus dem Katalog dreschen und sich letztlich nicht zu selten wundern, wieso das mono-weiße Goblindeck nicht so wollte, wie man es sich Stunden zuvor noch auf dem Papier - dem geduldigen - veranschaulichte.

Diese Herangehensweise ist eher etwas für Kurzgeschichtensammlungen (man merke sich das Schlagwort “Anthologien” in dem Zusammenhang), da kann man einen Titel zu Ende lesen, ihn durch und durchlesen und danach beiseite legen wohlwissend, dass es im nächsten Text um eine völlig neue Dame und einen völlig neuen Herren geht. Ich bin versucht an dieser Stelle Elfriede Jelinek zu zitieren, weil die Frau die letzte Woche alleine zweimal in mein Leben drang. So sah ich im Rausch, dem drögen, den Film “Die Klavierspielerin” (zum dritten Male) und gab mir am Dienstag in der Essener Box drei ihrer fünf Prinzessinendramen (der Reihe folgend von römisch eins bis drei). Im Film kam es weniger zur Geltung, aber die Sprachgewalt der guten Dame lässt sich nicht anders beschreiben als eben durch die Gewalt selbst. Doch was das Zitieren betrifft, trifft man auf den offiziellen Seiten neben viel textlicher Freizügigkeit auf den Hinweis (frech zitiert, hah!!):

Sämtliche hier wiedergegebenen Texte sind urheberrechtlich geschützt und dürfen ohne ausdrückliche Erlaubnis in keiner Form wiedergegeben oder zitiert werden.

Dann eben Magic-Decks. Decks der Art, dass man meinen könnte, sie wären mir aus einem Guss aus den Ordnern gerutscht, um die Spieltische zu erobern, Gegner zu verzweifelten Taten zu treiben und dabei genug Umdrehungen zu produzieren, dass der Grappa nur neidisch aus dem benachbarten Regal schauen kann. Nebenbei wird der eigene Name in die Liste mit Batman Feinden geritzt und darauf gewartet, dass die Dame, der man gestern noch die Schenkel strich, von ihrem Spaziergang zurückkehrt, den Kuchen in der einen und eine Tasse Gingko Limonengras-Tee in der anderen Hand.

Decks, ihr wollt sie doch auch. Die Benutzerzahlen vom DeckCheck sprechen Bände, Vampire Weekend singt im Hintergrund und alles ist gut. Zur Feier des heutigen Sonntages entleere ich meinen Desktop, auf dem das ein ums andere Deck in so mancher unkompliziert betitelten Textdatei schlummert.

Aus “RRRRR.odt” hole ich das Wort “alttestamentarisch” im Zusammenhang mit einer Ecke (um die ging es rum) und dem folgenden Deck (eigentlich nur die Kreaturen, weil “RRRRR.odt” - wie die anderen Dateien - nur Fragmente enthält, aber da ich die Decks bereits zu Ende bebaute, weiß ich, wie die Geschichten ausgegangen wären):

Five Mana Deluxe

3 Avarax
4 Arc-Slogger
1 Kumano, Master Yamabushi
1 Heartless Hidetsugu
1 Siege-Gang Commander
1 Torchling
1 Hunted Dragon
2 Chandra Nalaar
1 Jiwari, the Earth Aflame
4 Seething Song
2 Giant Solifuge
1 Wand of the Elements
1 Pulse of the Forge
1 Blood Moon
3 Magma Jet
2 Browbeat
1 Lightning Bolt
1 Epochrasite
1 Molten Disaster
2 Pyroclasm
1 Beacon of Destruction
1 Goblin Charbelcher
2 Mind Stone
1 Sol Ring
1 Mox Diamond
1 Mana Vault
1 Gemstone Caverns
23 Mountain

Der Sage nach hat der olle SlimDieta jetzt noch Alpträume von dem Deck. Es war eins seiner Düsseldorfer Multiplayer-Happenings zu dessen Ehren ich mich aufmachte, um den schönen Seething Song zu schmettern. Und wie ich sang. Wie ein Engelein mit gülden Schamhaar - zart die Harfe streichend. Ein Arc-Slogger im zweiten Zug ist machbar bis da gewesen, der Rest wird just for Fun gespielt. Random einer der multiplen Gegner umrülpsen ist genauso fetzig, wie selbstlanddestruktiv mit dem Wand of the Elements 3/3er aus den Bergen zu treiben und in den ungleichen Kampf zu schicken.

Spaßfaktor! Spaßfaktor! (aus der Jelinek-Seite, aber nicht verraten…)

Eine weitere Datei auf meinem Desktop wartet mit dem vielsagenden Namen “Oriss.odt” auf. Die Einleitung spricht für sich und soll hier auszugsweise wiedergegeben werden:

“Abseits der grausam kalten, egoistisch bis unbarmherzigen und alles in allem nur in den Pausen humorvollen Turnierszene (obschon sich selbst hier Ungunst in Fragen wie “Wie stehst du??” wiederspiegelt), gibt es den netten und kuscheligen Bereich der Casual-Magie. Doch selbst hier ist nicht nur Pussies und Rosen und alttestamentarische Einflüsse wie zum Beispiel dem Zorn Gottes warten an jeder Manakurve, so dass wir noch einen Schritt weiter gehen und uns in eine Welt fabulieren in der Massenzerstörung passè ist (zu oft wird der Spielspaß gleich mit zerstört), Countermagie nur sporadisch zum Einsatz kommt (zum Beispiel, um sie zu transmuten) und die Burnspells statt wie aus Maschinengewehren eventuell noch als Kanonenknaller auftauchen.”

Da ist es wieder, das Alte Testament. Richtig biblisch. Naja, ist ja auch Sonntag.

Im Text selbst nudelte ich Oriss, Samite Guardian von oben bis unten durch. Angefangen vom Namen (der in ihrem Fall sogar eine Rolle spielt) über die Spruchkosten (ebenfalls nicht zu verachten), gab es beim Bild eine kleine “Toilettenpause”, um dann entspannter die Typenzeile, den Kartentext und den Bruch unten rechts zu analysieren. Was dabei heraus kam, war zum einen klebrig, zum anderen ein Juwel von einem Deck:

Oriss’ Gesangsverein trällert: “The Whitemane Lion sleeps tonight”

4 Oriss, Samite Guardian
4 Whitemane Lion
2 Stonecloaker
2 Shriekmaw
1 Mangara of Corondor
1 Seht's Tiger
2 Reveillark
2 Phyrexian Rager
2 Martyr of Sands
3 Necrotic Sliver
4 Grim Harvest
2 Pit Keeper
2 Undertaker
4 Cloud Key
1 Grave Pact
2 Coldsteel Heart
1 Urborg, Tomb of Yawgmoth
2 Vivid Marsh
4 Caves of Koilos
5 Swamp
11 Plains

(man beachte, dass sich der Cloud Key netterweise auch den Evoke-Kosten annimmt!!)
(man beachte weiterhin, dass ich im Grundkonzept davon ausging, dass Reveillark die Kreaturen auf die Hand befördert (das wäre unendlich geschmeidig gewesen!!), ist aber nicht so - man hörte das “Shizz” sicherlich bis hinter Frankfurt an der Oder…)

Was eine Schönheit. Ich goldfischte das Deck ein paar Tage lang, abends vorm Einschlafen, was aber keine gute Idee war, weil ich danach immer derart verzückt vor dem Kartenstapel saß, dass an Schlaf nicht zu denken war.

Neben Oriss gab ich mir Linessa, Zephyr Mage (hierzu kein Deck, weil ich über Unsommon, Vedalken Aethermage und Boomerang nicht hinauskam. Klar, Venser passt, Riftwing Cloudskate ebenfalls, aber blau ist nicht gut Freund mit dem Friedhof. Da bleibt Linessa eher länger liegen, als es sich für eine Dame gehört) und Baru, Fist of Krosa. Die beiden anderen “Großen” verkniff ich mir, da der rote nur in eine Richtung will, deren Straße mir zu sehr befahren schien und eine Suche nach Korlash im DeckCheck mit zu vielen Ergebnissen endete.

Aber Baru muss noch gefistet werden. Das Deck zu ihm ist derart offensichtlich, dass es euch gleich aus dem Monitor in die Sleeves rein rutscht. Er mag Wälder und Länder ganz speziell, darüber hinaus ist er ein Druide, ich sach mal so,

Druiden-Tribal.dec!!11Elf

4 Llanowar Elves (Elf Druide)
4 Heritage Druid (Elf Druide)
4 Boreal Druid (Elf Druide)
4 Civic Wayfinder (Elf Druide)
3 Imperious Perfect (Elf Warrior)
4 Elvish Harbinger (Elf Druide)
4 Baru, Fist of Krosa (Mensch Druide)
4 Gilt-Leaf Archdruid (Elf Druide)
4 Primal Command / Summoner's Pact
3 Overrun / Wurmcalling / Squall Line / Hurricane
22 Forest

Schwimmen wir exemplarisch dem Goldfisch hinterher:

1ster Zug: Wald, Llanowar Elves
2ter Zug: Wald, Elvish Harbinger für den Archdruid
3ter Zug: Wald, Archdruid
4ter Zug: Heritage Druid (zieht mehr Wald), Wald, Civic Wayfinder (durch Tappen von Heritage, Archdruid und Harbinger) es wird erst das Land gesucht, dann die Karte durch den Archdruiden gezogen; wir lucken uns Baru und können ihn sogar ausspielen
5ter Zug: Win durch Aufgabe

Da genau elf verschiedene Karten benutzt werden, ist es legitim, dem Deck den Namen seiner Lieblingsfußballmannschaft zu geben, oder gar “Elf Freunde”. Die Möglichkeiten sind zahlreich.

Und so endet der Text hier. Abrupt. Wie die letzte Folge von “WDR3.pm“, der Radio-Sendung für die Leute, die Samstag Nachmittags überhaupt nichts mit Fußball anfangen können.

Wer weiterlesen will, dem seien alte Berichte meinerseits auf die Augen gepresst, über die ich bei Recherchen zu diesem Quelltext stolperte:
Hinten anstellen und Super lächerlich. Das waren noch good Times!!

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9 Kommentare für 'Teilchen unbeschleunigt'

  • Ich bin auf jeden Fall Fan von Casual-Decks, bei denen ein Theme konsequent durchgezogen wird. Wenns Verlieren Spaß machen soll, dann muss man wenigstens im Drawstep Fun haben.

    Und wenn man damit die anderen belustigen kann, steigt sicher auch die Chance, dass die das nächste Mal mit einem ähnlichen Deck anrücken.

    27. April 2008 | 11:57
  • Wahrlich virtuos!

    27. April 2008 | 13:25
  • Ausgezeichnet! Wunderbarer Text… aber noch viel wichtiger: Vampire Weekend! Und das, wenn ich gerade auf der Suche nach dem Musikstück bin, was in diesem Trailer im Hintergrund läuft:

    http://www.arte.tv/de/Video/184448,CmC=1966814,CmPage=184448,CmPart=com.arte-tv.www,CmStyle=183974.html

    Perfekt

    28. April 2008 | 06:18
  • Ob die was reißen?

    Tja
    28. April 2008 | 12:34
  • TobiH: Musikstück?!? Dat ist doch ein zusammengeklaubter Trailer …
    EvilB: Weniger Jelinek und weniger immer wiederkehrende ‘Schenkelklopfer’ der Text wäre für mich angenehmer zu lesen - aber darum geht es ja wahrscheinlich ohnehin nicht :).

    realalien
    30. April 2008 | 09:00
  • Ne, ein Stück kommt da mehrfach zum Vorschein…

    30. April 2008 | 11:55
  • … und das interessiert Dich?! … hm, hört sich eher nach irgendeiner Studiokombo an, die ein wenig dubidu spielt - glaube kaum, dass man das eruieren kann. Aber schreib’ doch mal eine mail an Arte - die antworten (haben sie jedenfalls bei mir vor ein paar Jahren gemacht).

    realalien
    30. April 2008 | 13:56
  • Nee, ich hab's mittlerweile ja schon längst. Ist eben von “Vampire Weekend”.

    30. April 2008 | 23:04
  • verstehe - nicht gerade naheliegend, though :)…

    realalien
    1. Mai 2008 | 14:33

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